Wien genießen: Der Kunst ihre Freiheit (2)

Nur Kopfschütteln und Empörung hatten die breite Öffentlichkeit und die Presse für den Beethovenfries über. Das heute so beliebte Werk Gustav Klimts wurde von vielen seiner Zeitgenossen als unverständlich, skandalös und „obszön“ empfunden, während viele Künstlerkollegen enthusiastisches Lob zollten. Auf den Spuren des Jugendstils und der Secession wandeln wir genussvoll durch Wien.

Der Beethovenfries von Gustav Klimt

Eingangsfront des Secessionsgebäudes in Wien

Eingangsfront des Secessionsgebäudes in Wien

Als Dauerleihgabe befindet sich heute Gustavs Klimts Beethovenfries im Untergeschoss der Wiener Secession. Durch eine schwere bronzene Eingangstür schreitet man in das eherne Ausstellungsgebäude beim Naschmarkt hinein. Aufgrund der Ausstellungspolitik der Secessionsgruppe wurden u.a. die französischen Impressionisten dem Wiener Publikum zugänglich gemacht.

Die 14. Ausstellung im Jahre 1902 war Ludwig van Beethoven gewidmet, wobei 20 Künstler und eine Künstlerin der Vereinigung Bildender KünstlerInnen Österreichs namens Secession wandbezogene Arbeiten gestalteten. Im Zentrum stand die Beethovenstatue von Max Klinger, welche sich heute im Foyer des Leipziger Gewandhauses befindet. Neben Klimts Beethovenfries waren Wandmalereien und Dekorationen von Alfred Roller, Adolf Böhm, Ferdinand Andri und zahlreichen anderen Künstlern zu sehen.

Konzeptionelles Ziel der Installation war es, die einzelnen Künste – Architektur, Malerei, Skulptur und Musik – unter einem gemeinsamen Thema zusammenzuführen: Das „Kunstwerk“ sollte aus dem Zusammenspiel von Raumgestaltung, Wandmalereien und Skulptur resultieren. Die Besucher betraten zunächst den linken Seitensaal, in dem Gustav Klimts Wandzyklus in goldschillerndem Jugendstil leuchtete.

Ein Durchbruch in der Wand gab den Blick auf Max Klingers Beethovenstatue frei. Schon beim Betreten des Saales wurde auf das oben genannte Zusammenspiel von Architektur, Malerei und Skulptur verwiesen. Später kam es zu Meinungsverschiedenheiten innerhalb der Künstlergruppe und Gustav Klimt trat aus der Wiener Secession aus. Aber bis heute ist sie ein wichtiges Ausstellungshaus für zeitgenössische Kunst geblieben.

Empörung gegen Humanismus?

Vor allem die Stirnwand des Frieses mit den „Feindlichen Gewalten“ löste Empörung aus: Die Darstellungen von Krankheit, Wahnsinn, Tod und die expressive Figur des Nagenden Kummers wurden als „Wahngebilde“, „pathologische Szenen“ und „schamlose Karikaturen der edlen Menschengestalt“ angeprangert. Die zügellose Erotik der Gorgonen und die Darstellungen der Wollust und Unkeuschheit verwarf man gar als „gemalte Pornografie“.

Der Beethovenfries war ursprünglich nur als kurzeitiges Kunstwerk im Kontext der Ausstellung gedacht und sollte – wie die anderen Dekorationsmalereien auch – nach Ende der Kunstinstallation abgetragen und zerstört werden. Wegen der darauffolgenden großen Klimt-Retrospektive im Jahre 1903 beschloss man glücklicherweise, das Kunstwerk vorerst an Ort und Stelle zu lassen.

Das Beethoven-Denkmal von Max Klinger

Auch die Überhöhung Beethovens in Klingers Plastik empfand man als unpassend und verspottete sie. Die ersten Ideen für die Gestaltung seiner Plastik hatte Max Klinger beim Spiel am Klavier. In der Ausstellung der Wiener Sezession präsentierte er sie zum ersten Mal der Öffentlichkeit.

Der Bildhauer zeigt den Komponisten mit nacktem Oberkörper und spielt damit auf die aus der Antike überlieferte Art der Götterdarstellung an. Ludwig van Beethoven wird als Verkörperung des schöpferischen menschlichen Geistes gezeigt, der sich durch seine Leistung bis zu den Göttern emporheben kann.

Max Klinger suchte für seine Werke immer wieder neue, schönere Marmorsorten aus. Die beiden Knäufe an dem Sessel gestaltete er mit glattpoliertem Gold. Durch den Gegensatz des glänzenden Lichts der Goldpolitur betonte er die Weichheit der Oberfläche des Marmors, sodass der nackte Körper noch um vieles weicher erscheint. Erst Jahre später konnte Klinger sein Denkmal an die Stadt Leipzig verkaufen.

Wenn man sich die kunstverachtenden Machenschaften breiter Kreise der Öffentlichkeit in der Geschichte vor Augen hält, dann ist es auch erstaunlich und erfreulich zugleich, welche Wertschätzung die Kunst heute genießt.

Das Johann Strauss Denkmal im Wiener Stadtpark

Das Johann Strauss Denkmal im Wiener Stadtpark

Der Beethovenfries durchlief – ebenso wie die Johann Strauss` Biografie – eine Odyssee der Enteignung. (Die Nazis versuchten, Johann Strauss‘ jüdische Herkunft durch Maulkörbe und plumpe Fälschungen zu arisieren, wobei man seiner jüdischen Stieftochter ihre große Strauss-Sammlung abnötigte.)

Zu den wichtigsten Förderern Klimts zählte der Industrielle August Leder. 1938 wurde die Familie Lederer, wie so viele andere Familien jüdischer Abstammung, enteignet. 1972 wurde der Beethovenfries dann schließlich von der Republik Österreich erworben und restauriert und in einem speziellen Klimaraum wieder permanent der Öffentlichkeit zugänglich gemacht.

 

Kunstgenuss im Bernsteinrose-Blog:

Virtuelle Kunstinstallation: INTERNATIONAL ART

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